Das Kaufhaus Österreich wurde Anfang Dezember mit großem Trara angekündigt. Die Plattform sollte österreichischen Händlern helfen, besser gegen Amazon bestehen zu können und österreichische Käufer dazu anregen, doch lokal zu kaufen und dadurch unsere Wirtschaft zu stärken. Wie nun bekannt wurde, kostete die Plattform mit 1,26 Millionen Euro mehr als die bisher kolportierten 700.000 EUR, welche für die Funktion der Plattform auch schon horrend hoch erschienen.

Die Website war im Grunde eine Linksammlung zu österreichischen Händlern. Die Suche war unzulänglich, man konnten nicht nach Produkten suchen, und auch in der Kategoriensuche konnte man kaum den passenden Händler finden. Unsere Expertin Lena Doppel Prix hatte am 3.12. berichtet.

Da der Bund keine E-Commerce Plattform betreiben darf und die Wirtschaftskammer (die Wirtschaftskammer und Harald Mahrer waren bei der Kick-Off-Präsentation der Plattform in vorderster Reihe dabei) dies nicht will, wird das Kaufhaus Österreich nun zu einer Plattform für Tipps und Ticks für österreichische Onlinehändler umgebaut. Derartige Plattformen gibt es in Österreich schon und es ist jetzt schon sicher, dass die Plattform die österreichischen Händler nicht besser dazu motivieren wird, sich mit e-Commerce zu beschäftigen.

Was es gebraucht hätte, wäre eine Plattform ähnlich wie Geizhals, wo man nach Produkten, Lieferfähigkeit und Preisen von österreichischen Händlern suchen könnte. Amazon ist nämlich vielmehr eine Produktsuchmaschine als ein Online Händler. Die meisten Angebote von Amazon kommen von Partnerunternehmen, die Amazon als Plattform nutzen. Amazon stellt den Händlern die Produktsuchmaschine, Logistik, Bezahlsysteme zur Verfügung. Wenn man gegen Amazon antreten möchte, muss man sich überlegen welchen Mehrwert man für Kunden und Händler schaffen kann, den Amazon nicht anbietet. Lokale Händler und Produkte wäre einer davon, das ist aber nicht hinreichend. Es geht hier um das Thema Geschäftsmodellentwicklung. Welche Erwartungen haben österreichische Kunden an die Plattform? Wie kann für diese Kunden Mehrwert geschaffen werden? Auf der anderen Seite geht es um die Partner, die österreichischen Händler. Welche Probleme haben diese, und wie kann Mehrwert für die Händler generiert werden? Was muss die Plattform anbieten, damit man Händler und Kunden zusammenbringt? All diese wichtigen Fragen hatte sich offensichtlich niemand gestellt, bevor man die Entwicklung angegangen ist.

Wenn man ExpertInnen befragt hätte, dann hätte man sicherlich schon vor der Investition in diese halbseidene Plattform sagen können, welchen Weg dieses Projekt geht. Getreu dem Motto “Wer viel fragt, muss sich auch mit unangenehmen Meinungen auseinander setzen” wurde das offensichtlich unterlassen. Hier wurden 1,2 Millionen Steuergeld in etwas investiert, was eine halbwegs begabte IT-Studentin vermutlich um ein paar tausend Euro hinbekommen hätte. Oder was andere teilweise in persönlicher Eigeninitiative besser auf die Beine gestellt haben wie “Nunus Ladenliste für den heimischen Handel” (weitere Beispiele hier).  Der Wert des “Kaufhaus Österreich” für die Online Shops in Österreich war hingegen gegen Null gehend. Als geübter Österreicher stellt sich daher nur noch eine Frage: Wer hat hier gutes Geld verdient?

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Werner Illsinger

Präsident bei Digital Society
Werner Illsinger hat nach der Absolvierung HTL Nachrichtentechnik am TGM einen der ersten Internet Provider in Österreich aufgebaut, er hat langjährige Erfahrung im Vertrieb und im internationalem Management bei Microsoft sowie als Geschäftsführer der Raiffeisen Informatik Consulting. Er ist Strategieberater und Lektor für Digital Transformation Management an der Carinthia University for Applied Sciences.
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