Laut dem US Buerau of Labor Statistics haben im Juli 2021 4 Millionen Amerikaner ihren Job hingeschmissen. Kündigungen haben ihre Spitze im April erreicht und blieben ungewöhnlich hoch für die letzten Monate. Ende Juli gab es in den USA 10,9 Millionen offene Stellen. Diese große Kündigungswelle wird mittlerweile “The Great Resignation” genannt. Mitarbeitende sind nicht mehr bereit  von 9-17h in einem Büro zu arbeiten und sich von Managern auf die Finger schauen zu lassen. Die Erkenntnis ist durch die Corona Pandemie und das verordnete Homeoffice noch gewachsen, so einfach nicht mehr leben zu wollen.

Vor allem die jüngere Generation kann sich mit dem alten industriellen Arbeitsbild nicht mehr anfreunden. Die digitale Transformation schafft neue Möglichkeiten – und Mitarbeitende wollen eine moderne Arbeitswelt, nicht eine wie vor 100 Jahren.

Mitarbeitende erwarten sich heute flexibel (freie Zeiteinteilung) und örtlich unabhängig (im Büro, zu Hause oder im Kaffeehaus oder von der Terrasse) arbeiten zu können. Sie erwarten sich von Führungskräften empathisch behandelt zu werden, auf ihre Lebenssituationen Rücksicht nimmt und dass man ihren Fähigkeiten vertraut. Es wird nicht mehr in Arbeit und Leben unterschieden. Die nimmt einen viel zu großen Teil des Lebens ein, als dass man sie einfach sinnlos hinter sich bringt, nur um Geld zu verdienen. Arbeit muss Sinn haben, und Mitarbeiter wollen wirksam sein.

Viele Manager beantworten die Frage nach dem Sinn der Existenz ihres Unternehmens meistens mit “Geld Verdienen” – das ist zwar notwendig, denn jedes Unternehmen muss profitabel sein, aber es ist nicht der Grund warum das Unternehmen auf diesem Planeten existiert. Die Klärung der Sinnfrage steht also bei vielen Unternehmen an erster Stelle. Wenn diese nicht beantwortet werden kann, werden sich Mitarbeitende kaum motivieren lassen. Wie viele Unternehmen gibt es, wo Leitbilder in schönen Bildern an Wänden hängen, wenn man die Mitarbeitenden danach fragt, aber niemand eine Antwort darauf hat, wofür ein Unternehmen steht?

Wenn der Sinn des Unternehmens klar ist, dann ist Führung ein weiterer wichtiger Faktor. Mitarbeitende wollen sich nicht mehr von patriarchisch agierenden Managern sagen lassen, was sie zu tun haben. Verteilte Teams, die vom Homeoffice oder in verschiedenen Ländern arbeiten kann man kaum noch Tasks verteilen und deren Abarbeitung kontrollieren, wie es in der Industrie üblich war. Wenn Mitarbeitende wissen was ihr Beitrag zum großen Ganzen ist, und motiviert sind, werden Sie (auch im Homeoffice) Höchstleistungen vollbringen. Das hat auch die Corona Krise gezeigt. HR Manager haben uns in persönlichen Gesprächen bestätigt, dass die Produktivität der Mitarbeitenden im Homeoffice teilweise höher war als im Büro und sie teilweise Mühe hatten die Mitarbeitenden einzubremsen..
In verteilten Teams wird die Selbstorganisation der Teams immer wichtiger. Eine Führungskraft wurde früher, wer der beste fachlich qualifizierte Mitarbeitende war. Die Teams waren homogen. Die Führungskraft konnte also seine Mitarbeitenden fachlich anweisen und die Ausführung der Arbeit kontrollieren. Das ist in der heutigen Zeit nicht mehr möglich. Wenn heterogene Teams für Projekte gegründet werden, dann haben alle Mitarbeitenden unterschiedliche Qualifikationen. Wie soll eine Führungskraft die Mitarbeitenden fachlich anweisen und die Ausführung kontrollieren, wenn sie nicht selbst über alle fachlichen Qualifikationen aller Mitarbeitenden verfügt, was vollkommen unmöglich ist. Jedes Teammitglied hat bestimmte Qualifikationen und Stärken, diese bringt es in das Team ein. Diverse Teams sind nicht nur fachlich notwendig, sondern auch deswegen um mögliche Schwächen einzelner Teammitglieder durch Stärken anderer zu kompensieren. Die Führungskraft der Zukunft ist daher nicht mehr anweisender und kontrollierender sondern Moderator und Coach des Teams, die Hilft Konflikte zu lösen und Teammitglieder dabei unterstützt selbst Lösungen für anstehende Probleme zu finden.
„It does not make sense to hire smart people and tell them what to do, we hire smart people so they can tell us what to do.“
Steve Jobs

Gründer und ehem. CEO, Apple Computer

World Economic Forum Digital Sikills
Aber auch Mitarbeitende benötigen neue Qualifikationen für die digitale Welt. Menschen müssen sich darauf konzentrieren Dinge zu tun, die sie besser können als Computer. Das ist vor allem Empathie (Emotional Intelligence), Kreativität, Kommunikation (digital und persönlich), usw.

Es geht aber auch darum digitale Skills zu erwerben – und dabei sind die digital Natives bei weitem nicht so weit, dass sie alles können. Beispielsweise im Verständnis der Zusammenhänge, in Sicherheitsfragen, im Bereich der Gesetzgebung (Beispielsweise Datenschutz, oder Urheberrechte) sind sie teilwiese noch enorm unbedarft.

Die nebenstehende Grafik des World Economic Forum (WEF) zeigt welche digitalen Skills die Menschen in Zukunft benötigen. Hier gibt es teilweise ein großes zu schließendes Gap. Auch darauf sollten sich Unternehmen fokussieren, wenn diese über Weiterbildung für Mitarbeitende nachdenken.

 

Damit diese Veränderung gelingen kann benötigt es verschiedenen Voraussetzungen. Die Führungskräfte brauchen neue Qualifikationen. Coaching heißt den Mitarbeitenden zu helfen selbst ihre Lösungen zu finden. Dazu ist es notwendig loszulassen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es beim Coaching mit das schwierigste ist, nicht gleich mit einer vermeintlichen Lösung eines Problems zu kommen, sondern die Coachees selbst Lösungen finden zu lassen. Das ist für Führungskräfte die bisher gewohnt waren Anweisungen zu geben schwer. Das heißt auch dass man andere Wirklichkeitskonstruktionen zulassen lernen muss.

Durch die demographischen Veränderungen wird sich der Fachkräftemangel noch zusätzlich verschärfen. Wenn Unternehmen sich nicht verändern (die digitale Transformation durchlaufen), werden Sie es in Zukunft sehr schwer haben ausreichend qualifizierte Mitarbeitende zu finden. Wie “The Great Resignation” zeigt, sind Mitarbeitende einfach nicht mehr bereit in antiquierten Arbeitsumgebungen zu arbeiten. Der Arbeitsmarkt dreht sich von einem Markt des Überangebotes zu einem Unternagebot. Damit stehen die Unternehmen vor der Herausforderung sich bei Mitarbeitenden bewerben zu müssen, nicht umgekehrt. Die Transparenz bei Unternehmen führt zusätzlich dazu, dass über Jobportale wie Kununu die Behauptungen von Unternehmen sehr leicht verifizierbar sind. Potemkinsche Dörfer aufzubauen funktioniert daher nicht. Die einzige Lösung ist authentisch zu sein und tatsächlich ein Environment zu schaffen, in dem Mitarbeitende gerne arbeiten wollen.

Die Lösung der Politik das Arbeitslosengeld zu kürzen und Zumutbarkeitsregeln zu verschärfen und die Menschen dazu zu drängen Positionen anzunehmen, die enorm schlechte Arbeitsbedingungen haben und schlecht bezahlt werden wird also hier nicht helfen. Menschen orientieren sich im Berufsleben neu. Kellner*innen und Krankenpfleger*innen, Köch*innen, Fleischhauer*innen suchen sich neuen Berufssparten wo sie bessere Arbeitsbedingungen vorfinden, und die besser bezahlt werden. Arbeit gibt es mehr als genug.

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Werner Illsinger

Präsident bei Digital Society
Werner Illsinger hat nach der Absolvierung HTL Nachrichtentechnik am TGM einen der ersten Internet Provider in Österreich aufgebaut, er hat langjährige Erfahrung im Vertrieb und im internationalem Management bei Microsoft sowie als Geschäftsführer der Raiffeisen Informatik Consulting. Er ist Strategieberater und Lektor für Digital Transformation Management an der Carinthia University for Applied Sciences.
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