Digitale Transformation von österreichischen Unternehmen unterschätzt

Über 130 Unternehmen, mit einem Gesamtumsatz von ca. 4 Milliarden Euro, haben an der Studie zur digitalen Transformation teilgenommen. Ziel des Quick-Checks der NGO Digital Society war es, den Teilnehmern eine Standortbestimmung zu ermöglichen. Zur Teilnahme aufgerufen war vor allem die Geschäftsführungs- bzw. die erste Managementebene.

Im Fokus steht der Mensch

Die digitale Transformation, landläufig etwas unscharf als Digitalisierung bezeichnet, wirkt sich auf alle Unternehmensbereiche aus. Im Mittelpunkt stehen hierbei der Mensch und seine Beziehungen – die der Kunden ebenso wie die der Mitarbeiter zum Unternehmen. Die neuen digitalen Technologien sind zwar Treiber des Wandels, wenn jedoch Kunden- und Mitarbeiterbindung nicht ernsthaft gelöst sind, wird der Unternehmenserfolg langfristig nicht zu sichern sein.

Unter diesen Gesichtspunkten fokussierte die Befragung namens Quick-Check auf die Bereiche Unternehmensführung (Digitalstrategie, Veränderungspotential), Innovation (Kundenorientierung), Agilität und Unternehmenskultur. Die Aspekte der technischen Umsetzung, wie etwa IT-Anwendungen und Tools waren nicht Teil der Befragung, da diese die logische Konsequenz nach der Standortbestimmung des Unternehmens in der Umsetzung sind. Die erhobenen Ergebnisse fasst die Digital Society im Digitalisierungs-Barometer 2019 zusammen und gibt Empfehlungen für die Zukunft ab.

Traditionelle Ausrichtungen überwiegen

Bei den teilnehmenden Unternehmen zeigte sich eine fachlich hohe Affinität der IT- und Telekommunikationsbranche mit einem Anteil von 34%. Diese Unternehmen scheinen sich grundsätzlich stärker mit dem Thema der digitalen Transformation auseinander zu setzen. Grundsätzlich zeigt die Studie unternehmerische Stärken eher in internen Zusammenhängen als bei externen Aspekten – österreichische Unternehmen schneiden bei innerbetrieblichen Entscheidungen besser ab als beim Markt-auftritt selbst.

Im Vergleich mit einer Studie aus Deutschland, 2018 durchgeführt von etventure, zeigt sich in Öster-reich ein ähnlicher Trend. Nur die wenigsten Unternehmen sehen die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung. Für sie scheint es auszureichen, bestehende Prozesse weiterzuentwickeln und ihre IT zu optimieren. Auch wenn das für viele Branchen im Moment noch ausreicht, empfiehlt die Digital Society, eine regelmäßige Analyse des Unternehmensumfelds, um nicht plötzlich von neuen Entwicklungen überrascht zu werden. Alarmierend hingegen ist, dass nur 18% der Befragten angeben, neben dem operativen Betrieb, überhaupt Ressourcen für Veränderungen zu haben. Etwa ein Drittel hält die eigene Ressourcensituation für höchst kritisch.

Wenig agile Unternehmen

Auch in puncto Digitalstrategie ortet die Studie große Lücken. Viele Unternehmen agieren noch nach schwerfälligen 5-Jahresplänen, die zudem nicht regelmäßig überprüft werden. Schnelles Reagieren auf Veränderungen des Marktes sind so nicht möglich.

Im Hinblick auf Entscheidungsgrundlagen zeigt sich, dass Führungskräfte der befragten Firmen viel-fach nicht über ausreichende Daten und Fakten verfügen, um davon strategische Entscheidungen ab-zuleiten. Hier ist noch viel Luft nach oben.

Was die Geschäftsprozesse angeht, haben viele Unternehmen ihre Prozesse nicht ausreichend dokumentiert oder die vorgegebenen Abläufe werden so nicht durchgeführt. Nur ca. ein Drittel der Führungsebene gibt an, die firmeneigenen Abläufe zu verstehen. Speziell, wenn es gilt, auf Ungeplantes zu reagieren, wird es dann schnell eng. Hier hinein spielt auch das Thema Umgang mit Kritik durch Mitarbeiter. Diese wissen oft am besten, was wie optimiert werden könnte. Auf sie mehr zu hören und Feedback ernst zu nehmen, würde Mitarbeitern und Unternehmen guttun, so die Empfehlung.

Kundenorientierung könnte neu gedacht werden

Obwohl Kundenzufriedenheit bei der Mehrheit der befragten Firmen höchste Priorität hat, werden laut Digitalisierungsbarometer 2019 Kunden noch immer zu wenig bzw. zu selten nach ihrer Zufrie-denheit befragt. Vorhandene Information wird nicht zur stetigen Verbesserung der Produkte bzw. Dienstleistungen verwendet.

Unterschiedlichste Daten über das Kundenverhalten lassen sich mit digitalen Tools in Wissen umwandeln. Nur ein Viertel der Befragten gibt an, dies auch zu tun, obwohl es einen echten Wettbewerbs-vorteil darstellen könnte.
Herausfordernde Zeiten

Was die Personalsuche angeht, geben 60% der Teilnehmer an, dass diese schwieriger geworden ist: Sie dauert länger und die Qualität der Bewerbungen nimmt stetig ab. Dieses Ergebnis deckt sich mit einer vom „Institut für Bildungsforschung in der Wirtschaft“ im November des Vorjahres publizierten Studie, die im Auftrag der WKO durchgeführt wurde. Hier empfiehlt die Digital Society, sich mehr um die Bindung von Fachkräften an das Unternehmen zu bemühen.

Die meisten der befragten Führungskräfte halten jedoch die emotionale Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen für sehr hoch. Die Realität sieht, laut Gallup Engagement Index 2018, anders aus: Demnach identifizieren sich lediglich 12% der Mitarbeiter in Österreich mit ihrem Arbeitgeber. 88% der Mitarbeiter haben eine geringe oder keine Bindung an ihr Unternehmen. Dieses Missverhältnis sticht ins Auge und weist auf dringenden Handlungsbedarf bei den Unternehmen hin – sowohl, was die Unternehmenskultur, aber auch die Work-Life-Balance und Wertschätzung ihrer Mitarbeiter an-geht.

Etwa zwei Drittel der Teilnehmer geben an, dass in ihrem Unternehmen abteilungsübergreifende, vernetzte Zusammenarbeit nicht in ausreichendem Maße funktioniert. Hier verhindern „Silodenken“ und die Verteidigung bestehender Strukturen Veränderungen. Darunter leidet nicht zuletzt auch das Kundenservice.

Mitarbeiter sollten Veränderungen gegenüber offen werden

Neben der Führungsebene wären jedoch auch die Mitarbeiter selbst gefragt, sich der digitalen Transformation gegenüber zu öffnen. Laut Digitalisierungs-Barometer 2019 scheint etwa die Hälfte der Mitarbeiter aus Sicht ihrer Vorgesetzten Scheu vor neuen Technologien zu haben. Der Mehrwert solcher sollte jedoch, so die Digital Society, nicht allein auf Seiten der Firmen liegen, sondern auch Mitarbeitern die Arbeit erleichtern. Außerdem würde sich die NGO mehr staatliche Anreize für eigenverantwortliche Weiterbildung von Arbeitnehmern wünschen, etwa durch Förderungen oder wie die in Deutschland geplante „Arbeitsversicherung“.

Neue Befragung 2020 – wieder kostenlos mit individueller Auswertung

Aufgrund der guten Resonanz auf die für jedes Unternehmen individuelle Auswertung (Quick-Check), ruft die Digital Society auch dieses Jahr zur Teilnahme an der Studie auf. Je mehr Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen sich daran beteiligen, desto aussagekräftiger die Ergebnisse. Im Anschluss an die kostenlose Auswertung besteht darüber hinaus die Möglichkeit zu einem, auf das einzelne Unternehmen zugeschnittenen De-Briefing des Management Teams.

Wer sich darüber hinaus allgemein für Themen des digitalen Wandels interessiert, dem seien die Digitalks (Podiumsdiskussionen) sowie die im Aufbau befindliche Wissensplattform der NGO empfohlen.

Über die Digital Society https://digisociety.ngo/
Quick-Check Digitale Transformation https://digisociety.ngo/qc/
Download Digitalisierungs-Barometer 2019 https://DigiSociety.Institute/DSDB2019/

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Werner Illsinger

Präsident bei Digital Society
Werner Illsinger hat nach der Absolvierung des TGM einen der ersten Internet Provider in Österreich aufgebaut, er hat langjährige Erfahrung im Vertrieb, sowie internationalem Management bei Microsoft und war zuletzt Geschäftsführer der Raiffeisen Informatik Consulting. Er hat den Verein Digital Society gegründet, um Menschen und Organisationen dabei zu unterstützen, die digitale Transformation positiv zu gestalten und zu nutzen.
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