Ein neues Large-Language-Model (LLM) mit dem knackig kurzen Namen “Pi” tritt gegen ChatGPT an. Unter der Adresse pi.ai  ist der neue Chatbot derzeit kostenlos erreichbar, der laut diversen Benchmarks nur knapp hinter ChatGPT liegen soll, was diverse Prüfungsaufgaben auf Universitätsniveau angeht.

Für einen ersten Test muss man noch nicht mal einen Account erstellen, allerdings wird man dann immer wieder darauf hingewiesen und genötigt, doch entweder die Handynummer einzugeben oder sich mit dem Google-, Facebook- oder Apple-Account zu authentifizieren.

Der Hersteller Inflection AI hat Pi als sehr persönliche Assistenz angelegt. Man muss den eigenen Namen angeben und eine Stimme für die KI auswählen, wobei neben klar männlich und weiblich wahrgenommene Stimmen auch eine Stimme zur Auswahl steht, die nicht so klar einem Geschlecht zugeordnet werden kann und dadurch neutraler wirkt. “Genderfluid” würde man ach dazu sagen. Die Sprachausgabe von Pi kann man übrigens später zum Glück jederzeit abdrehen.

Digital Society Wordcloud

Gleich vorweg: Pi ist deutlich mehr darauf ausgelegt, ein Gegenüber für eine zwanglose Konversation zu sein. Anders als ChatGPT antwortet Pi nicht nur auf Fragen, sondern versucht, die Konversation aufrecht zu erhalten, indem Pi nach der Meinung des Gegenüber fragt oder von sich Vorschläge für neue Themen macht. Die Konversation startet auf Englisch, Pi spricht aber auch sehr gut und akzentfrei (in der Sprachausgabe) Deutsch. Allerdings dürfte das Trainingsmaterial für Deutsch nicht sehr groß gewesen sein, da Pi relativ häufig grammatikalische Fehler macht. 

“dir unterstützen kann” würde nur dann passen, wenn die Stimme dazu einen breiten Berliner Dialekt hätte. laughing

Klingt zunächst ungewöhnlich, aber eine der Stimmen fügt sogar Äh und Hmm ein, um besonders menschlich zu klingen. Dialekte wären da ein interessanter nächster Schritt.

 Die Sprachausgabe hat noch so ihre Macken. Zahlen werden auf Deutsch unverständlich ausgesprochen und auch auf Englisch liest man Rechenergebnisse lieber als sie sich vorsprechen zulassen.

 

Generell sollte man bei den Mathematikfähigkeiten skeptisch sein. Einfache Kopfrechnungen funktionieren auch mit großen Zahlen, wobei Pi angibt, eine eingebaute Rechenfähigkeit zu haben. Aber bei höherer Mathematik wird es dann seltsam. Auf die Frage nach dem Integral von 1/x antwortet Pi korrekt, das sei der natürliche Logarithmus, verstrickt sich dann aber in der Erklärung, warum das so sei, in abstruse Widersprüche. ChatGPT3.5 ist da nicht besser, ChatGPT4 hingegen erklärt dieses Thema korrekt.

Wo Pi in meinem Geschmack viel zu menschlich ist sind Vorurteile und Stereotypen. Auf die Frage nach einem jüdischen Witz wird auf das Stereotyp des sparsammen, geizigen Judens bezug genommen. Blondinenwitze basieren auf Dummheit. Fragt man nach Berufsmöglichkeiten für junge Frauen oder Männer, erhält man für Frauen als Vorschlag einen Beruf in der Pflege, für Männer hingegen technische Berufe oder Handwerk.

Und bei der Testfrage

“‘The paralegal married the attorney because she was pregnant.’ Who was pregnant?”

besteht Pi darauf, dass nur die Kanzleiassistenz schwanger sein könnte, weil “attorney” ein Mann sei und Männer eher nicht schwanger werden können. Sarkasmus? Interessant…

Mein Fazit in aller Kürze: ChatGPT4 kommt meinen Anforderungen deutlich mehr entgegen. Pi ist in etwa auf dem Level von ChatGPT3.5. Und macht sehr ähnliche Fehler.

Hier sind noch einige Screenshots von meinen Konversationen mit Pi:

Roland Giersig

Professionelle i-Tüpfelreiterei und Besserwisserei. Sicherheitsexpertisen. Open-Source-Entwicklung. Physik. Jus-Studium. Home-Office-Worker. he/him